Forum / Mein Baby

Ferbern - ein Erfahrungsbericht

2. Oktober um 8:27 Letzte Antwort: 3. Oktober um 17:24

Hy,

Ich muss schön doof sein, das hier so bereitwillig zuzugeben, aber es hat vor allem, denke ich, etwas mit Prävention, Aufklärung und vielleicht auch ein bisschen Sühne zu tun.

Ich fange einfach mal an: 
Ich bin Mama von 3 wundervollen Kindern (2 Mädels 6 und 9 Jahre und ein kleiner Nachzügler 4 Monate)
Ich bin 36 Jahre jung, der Rechnung nach zufolge war ich also 26 als meine erste zur Welt kam.
Im Zuge meines Jüngsten, habe ich (da es bei den ersten einfach nicht geklappt hat) mich im Bezug auf das Stillen nochmal etwas belesen und mir Tipps geholt, dabei stieß ich immer wieder auf das Ferbern. 
Und ich empfinde es als abscheulich dass jemand seinem Kind so etwas antut, heute!

Ich habe meine älteste Tochter nämlich, LEIDER auch damit gequält (((
Leider wird in dieser Gesellschaft noch viel zu häufig die Meinung vertreten ein Baby dürfe schreien gelassen werden- hurra -.- 
Nach der Geburt meiner ältesten Tochter, ich möchte sagen wusste ich es nicht besser und ich war nicht schlau genug zu hinterfragen was ich da tat oder mich mehr zu belesen. 

Ich möchte sagen, dass ich es immer gehasst habe, wenn sie geschrien hat und (ja, vielleicht Gott sei dank) ich es manchmal nicht ausgehalten habe und den "Prozess" unterbrochen bzw. mich nicht so ganz genau an die "Anweisungen" gehalten habe.

Nun, meine Tochter ist jetzt "groß" und genau zu diesem Punkt wollte ich kommen. 

Man liest immer, es schädigt die Kinderpsyche und die Bindung wird dadurch beeinträchtigt, aber nirgends liest man, wie genau sich das äußert, es scheint niemanden zu interessieren, oder es gibt niemanden der sich traut zuzugeben, dass er scheiße gebaut hat, oder wenn man es eben nicht so sieht, zugibt, geferbert zu haben.

Ich gebe es zu, und gerade weil ich jetzt nochmal einen Nachzügler habe muss ich mich damit auseinandersetzen, weil ich mich selber frage WIE KONNTE ICH NUR?? 

Ich empfinde Leid, für meine Tochter, für die Bindung die vielleicht (und das ist der Punkt) eine andere wäre, für die unendlich Angst die sie empfunden haben muss. 

Meine süße, wunderbare Tochter ist ein fröhlicher Mensch (mit leicht pubertären Zügen XD), sie ist sehr empathisch, versteht sich mit Tieren aller Art, ist sehr selbstständig und hübsch isse auch noch, ABER manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mir nicht vertraut, dass sie Angst hat ich würde sie alleine lassen. 
Ich weiß, im Prozess des älterwerdens, begreifen Kinder bestimmte Dinge, unter anderem auch, dass Mama wiederkommt wenn sie es sagt, aber dennoch denke ich, dass dieses Gefühl, dass sie damals erlebt hat sie geprägt hat und immer dieser Unterton des "alleinegelassen" mitschwingt. 
Sie ist oft frustriert, wenn ihre Freunde mal mit wem anders spielen, wenn man jemand keine Zeit hat, sie reagiert auch sehr empfindlich auf Streit, weint auch manchmal schnell wegen "nichts" los. Ich denke das sind alles Folgen von dieser scheiß Ferberei. 

Die Eltern die sagen, sie werden groß und lernen zu tun was ich ihnen sage und haben dennoch eine gute Bindung, haben noch kein Kind großgezogen, dass geferbert wurde.
Kinder von Eltern, die ihre Kinder missbraucht haben, die ihre Kinder misshandelt haben, die ihre Kinder vernachlässigt haben, sich einen Dreck um sie gekümmert haben, lieben ihre Eltern in 95% der Fälle dennoch, denn es sind ihre Eltern, ihre Bezugspersonen seit sie geboren wurden. Aber es ist dennoch nicht in Ordnung, dass die Eltern dies taten. 

Ich habe neulich den "Brief eines Babys das schlafen lernen musste" gefunden und gelesen und meine Tochter bekam mit dass ich losheulte und sehr traurig war und ich habe ihr versucht zu erklären was da gerade passiert und dass ich Angst davor habe, dass sie mich dafür hasst, so innerlich irgendwo tief vergraben in ihren frühen Erinnerungen und Erlebnissen und sie sagte: "Nein Mama, ich liebe dich doch!" Und ich weiß, dass sie das so meint. 

Ich würde gerne andere Mütter lesen, die sich trauen zu sagen, ich habe das getan und es war schlecht, ich merke dass mein Kind an irgendwas zu knabbern hat. 
Es sind ja nur Vermutungen, dass es daher kommt, aber es würde der Gesellschaft vielleicht helfen, wenn Mütter und Väter ehrlich sein könnten, um künftigen Kindern das zu ersparen. Damit klar wird, wie sehen die Folgen aus. Wenn es dann wenigstens dafür gut war . Auch wenn man nie sagen können wird was aus dem Kind geworden wäre, hätte man nicht geferbert... hätte hätte ... 
Aber ich weiß, dass ich nicht mehr tun kann  als den Schaden zu begrenzen... ihr sagen und zeigen dass ich sie liebe, dass sie mir vertrauen kann, dass ich immer da sein werde und mich zu entschuldigen um ihr klar zu machen, dass ich einen Fehler gemacht habe und es nie zu spät ist das einzugestehen und das Beste daraus zu machen.

In diesem Sinne, bitte seid nett, ich weiß ja schon, dass es kacke war -.- 

A-L-M


Btw.: den beiden anderen blieb das erspart
 

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2. Oktober um 10:01

Vorab: Aus deinem Beitrag lese ich total viel Schuldgefühle. Deine Tochter ist prächtig entwickelt, sie ist sehr emphatisch, gut zu Mensch und Tier, hat Sozialkontakte und sie LIEBT DICH! Finde dich damit ab, dass du ihr mit dieser Methode letztlich doch keinen Schaden zugefügt hat sondern dass es einzig und allein deine Schuldgefühle sind, die dir das einreden. Sei froh, dass dieses Mädchen so gut geraten ist und schließ endlich mit der Vergangenheit ab. Du warst jung, erstes Kind und hast dich halt zu sehr von anderen leiten lassen. Aber heute geht es deiner Tochter gut und das ist doch die Hauptsache!

Und nun zum Thema selbst hier meine ganz persönliche Meinung: Heutzutage muss es echt für alles eine Methode oder einen Namen geben. Warum können die Mütter nicht einfach mal nach ihren Instinkten gehen? Wenn man sich nicht gut dabei fühlt, das Baby schreien zu lassen, dann lässt man es halt nicht schreien und hört nicht auf irgendeine Methode. Ich meine, jede Mutter weiß doch, wie schlimm es für sie ist, das Baby schreien zu lassen. Ich habe dann einfach den inneren Drang, sofort zu meinem Baby zu laufen und es zu beruhigen, weil das mein MutterINSTINKT ist. Es wäre mir da auch völlig egal, was mir jemand rät. Ich tue doch das, was ich in dem Moment für richtig erachte. Wir Menschen entfernen uns so sehr von unseren angeborenen Instinkten, weil wir uns in der heutigen Zeit von tausend Ratgebern, von tausend Meinungen, von tausend Methoden, von tausend neu erfundenen Begriffen für irgendwelche Verhaltensweisen des Babies dermaßen anders leiten lassen. Das fängt doch schon bei der Entbindung an. Selbstbestimmte Geburt, kaum noch möglich heutzutage, da viel zu viel Intervention seitens der Kliniken erfolgt, um alle Eventualitäten auszugrenzen. Dabei macht es die Natur schon, würde man sie mal lassen. Geburten verlaufen überwiegend gut und gesund. Es gibt zwar Ausnahmen, aber diese bleiben auch Ausnahmen! Durch das ständige, teils unnötige Eingreifen wird eine Geburt doch erst kompliziert gemacht! Und ich habe den Eindruck, dieser Faden zieht sich durchs ganze Babyalter hindurch. Anstatt die Mütter instinktiv "ihr Ding" machen zu lassen, wird man ab Tag 1 von Ärzten, Hebammen, anderen Müttern, Ratgebern etc. zugebombt mit Ratschlägen, wie man etwas gefälligst zu tun oder zu lassen hat. Dadurch wird automatisch ein Druck aufgebaut, der auf das Baby abfärbt und somit ein Teufelskreis beginnen hat (Stichwort Schreikind oder High-Need-Baby). Aber auch eine (vielleicht unnötig kompliziert und schwer gemachte) Geburt können so ein Baby bereits triggern und es schwer in der Welt ankommen lassen (Regulationsstörung).
Ich möchte gar nicht absprechen, dass es auch einfach nur so ohne eigentlich wirklich ersichtlichen Grund anstrengende Babies gibt, die halt einfach trotz guter Geburt, entspannter Eltern, ruhiges Umfeld und körperlicher Unversehrtheit und Gesundheit von Beginn an viel schreiben. Aber ich glaube, wenn man in den meisten dieser Fälle mal hinter die Kulissen schaut, dann lässt sich vielleicht schon erkennen, warum ein Baby so unentspannt ist.
 

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2. Oktober um 14:52

Ja, ich wollte meine Tochter auch nie schreien lassen. Das ist ja ganz schlecht fürs Kind, wurde mir gesagt. Ist doch auch ganz einfach, habe ich gedacht. Wenn sie schreit, hat sie was und das kann man ja abstellen. Was mir keiner sagte: Was machst du, wenn das Baby schreit und schreit und du hast wirklich alles versucht, aber nichts hilft? Dann schreit sie ja auch und das soll sie nicht, das arme Kind! Ich habe unheimlichen Druck, Angst um mein Kind und Schuldgefühle empfunden. Stundelang versuchte ich, ihr zu helfen, aber es half alles nichts. Kein Pucken, kein stundenlanges Tragen, kein Stillen, kein Singen, keine Kümmelzäpfen, keine Massagen... Der Kinderarzt war schon genervt, weil ich unzählige Malemit einem kerngesunden Baby bei ihm auftauchte, aber irgendwas konnte ja nicht mit ihr stimmen, wenn sie nur schrie und schrie und nichts half, dachte ich. Aber war ich vielleicht einfach nur eine miserable Mutter? Was ich sagen will: Dieses Dogma, dass man das arme Kind auf keinen Fall schreien lassen darf, kann auch in die andere Richtung gehen und Mütter unter Druck setzen.

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3. Oktober um 17:24

Natürlich macht das was mit dem Kind tief drinnen.
Ein geferbertes Kind hat keine sichere Bindung, das schließt sich einfach aus, das kann man auch nicht schön reden.

Aber ich halte die Auswirungen für viel subtiler.
Menschen sind unterschiedlich. Und auch mal unsicher.
Natürlich kann es auch mit den unterbewussten Prägungen zusammenhängen, wenn Kinder unsicher sind oder Ängste haben.
Aber die "Symptome" deiner Tochter können auch einfach ihre Persönlichkeit sein und selbst wenn sie die komplette Babyzeit stillend in deinem Arm gelegen hätte, könnte es sein, dass sie auf diese Situationen jetzt einfach so reagiert.

Natürlich bist du wütend auf dich, weil du es jetzt besser weißt. Aber die Vergangenheit kann man nicht ändern. Du hast damals das getan, was du für das Beste gehalten hast. Du musst auch lernen, dir selbst zu vergeben.

Wir wünschen uns so, für unsere Kinder perfekt zu sein. Sind sie doch das wertvollste, was wir haben. Aber niemand ist perfekt. Und das Gegenteil von gut ist halt nunmal gut gemeint.

Freue dich für deine anderen Kinder, dass du es dort besser gemacht hast.

Alles Gute dir und deiner Tochter! (und natürlich den anderen beiden)

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