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Was sind eure klassischen Lieblingsgedichte?

18. März 2012 um 16:35 Letzte Antwort: 19. März 2012 um 9:15

Hallo die Damen

Ja, ausnahmsweise ist auch mir mal langweilig und beim Aufräumen ist mir grad ein Gedicht von Rilke in die Hände gefallen - irgendwie "stolpere" ich seit Jahren immer mal wieder drüber und finde es immer wieder aufs Neue toll


DER PANTHER

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
So müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
Und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
Der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
Ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
In der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
Sich lautlos auf. -Dann geht ein Bild hinein,
Geht durch der Glieder angespannte Stille -
Und hört im Herzen auf zu sein.


Welche Gedichte findet ihr besonders schön bzw. welche begleiten euch schon länger?

Bin gespannt!

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18. März 2012 um 17:00

Auch immer wieder schön...
...vielle kennen es aus dem Film "4 Hochzeiten und ein Todesfall", aber ich finde das Original viel schöner:


Klage

Er war mein Nord, mein Süd,
mein Ost und West,
Meine Arbeitswoche
und mein Sonntagsfest,
Mein Gespräch, mein Lied,
mein Tag, meine Nacht,
Ich dachte, Liebe währet ewig:
Falsch gedacht.

Die Sterne sind jetzt unerwünscht,
löscht jeden aus davon,
Verhüllt auch den Mond
und nieder reißt die Sonn',
Fegt die Wälder zusammen
und gießt aus den Ozean,
Weil nun nichts mehr
je wieder gut werden kann.

Haltet alle Uhren an,
laßt das Telefon abstellen,
Hindert den Hund daran,
den saftigen Knochen anzubellen,
Klaviere sollen schweigen,
und mit gedämpftem Trommelschlag,
Laßt die Trauernden nun kommen,
tragt heraus den Sarg

Laßt Flugzeuge kreisen,
klagend im Abendrot,
An den Himmel schreibend
die Botschaft. Er ist tot;
Laßt um die weißen Hälse der Tauben
Kreppschleifen schlagen
Und Verkehrspolizei schwarze
Baumwollhandschuh' tragen.


W.H. Auden

Ich dusche jetzt meine Kinder und dann gönne ich mir eine schöne Tasse Kaffee und lese mir eure Gedichte nochmal ganz in Ruhe durch! Die sind so schön, die muss ich genießen

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18. März 2012 um 18:16

Wie schön!
Ich habe mir gerade alles in Ruhe durchgelesen und bin ganz berührt!

Kennt ihr noch "die Bürgschaft" von Schiller? So kam ich damals überhaupt zu den Klassikern...ich musste als Strafarbeit die Bürgschaft auswendig lernen - bis dahin haben mich die ollen Gedichte recht wenig interessiert....aber die Bürgschaft hat mich sooooo fasziniert! ich fand es unglaublich wie toll, wie man eine ganze, spannende Geschichte in ein Gedicht packen kann!

Teile davon kann ich heute noch auswendig - die Strafarbeit hat sich also im positiven Sinne für mich gelohnt

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18. März 2012 um 23:42

...
Erich Kästner << ~ >>

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten (und man darf sagen: sie kannten sich gut), kam ihre Liebe plötzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter, versuchten Küsse, als ob nichts sei, und sahen sich an und wußten nicht weiter. Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken. Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken. Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort und rührten in ihren Tassen. Am Abend saßen sie immer noch dort. Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort und konnten es einfach nicht fassen.

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19. März 2012 um 9:15

Ich liebe
Eduard Mörike:
Früh im Wagen

Es graut vom Morgenreif
In Dämmerung das Feld,
Da schon ein blasser Streif
Den fernen Ost erhellt;

Man sieht im Lichte bald
Den Morgenstern vergehn,
Und doch am Fichtenwald
Den vollen Mond noch stehn:

So ist mein scheuer Blick,
Den schon die Ferne drängt,
Noch in das Schmerzensglück
Der Abschiedsnacht versenkt.

Dein blaues Auge steht
Ein dunkler See vor mir,
Dein Kuß, dein Hauch umweht,
Dein Flüstern mich noch hier.

An deinem Hals begräbt
Sich weinend mein Gesicht,
Und Purpurschwärze webt
Mir vor dem Auge dicht.

Die Sonne kommt; sie scheucht
Den Traum hinweg im Nu,
Und von den Bergen streicht
Ein Schauer auf mich zu.

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